Systemische Beratung
Die systemische Beratung lenkt den Blick von der isolierten Betrachtung einer Einzelperson auf das gesamte soziale System. Während klassische Beratungsansätze oft nach der Ursache eines Problems innerhalb eines Menschen suchen, betrachtet die Systemik das Individuum als Teil eines komplexen Netzwerks aus Beziehungen, Kommunikation und Interaktionen. Schwierigkeiten werden daher nicht als Defizite einer Person verstanden, sondern als Ausdruck der Dynamik innerhalb eines Systems. Ein Symptomkomplex (z. B. Verhaltensauffälligkeiten eines Kindes) kann oft als ein – wenn auch leidvoller – Lösungsversuch oder ein Signal für eine Störung im familiären Gleichgewicht interpretiert werden. Seine Entstehung lässt sich auf die wechselseitigen Wirkmechanismen innerhalb des bestehenden sozialen Gefüges zurückführen, in dem der Patient agiert. Dabei ist jedes Verhalten gleichzeitig Ursache und Wirkung des Verhaltens der anderen Systemmitglieder. Denn Menschen sind untrennbar mit ihrem Umfeld verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Ihre Interaktionen und Verflechtungen haben maßgeblichen Einfluss auf unser psychisches Wohlbefinden.
Theoretische Einflüsse
Die systemische Therapie entwickelte sich in den 1950er-Jahren aus der Familientherapie. Visionäre wie Virginia Satir, Salvador Minuchin oder Paul Watzlawick erkannten, dass die Heilung eines Einzelnen oft am Widerstand des häuslichen Systems scheiterte. Heute ist die Systemik eine Verflechtung verschiedener Disziplinen wie der Systemtheorie, der Kommunikationstheorie, dem Konstruktivismus – meist mit starker Lösungsfokussierung, wie z. B: in Steve de Shazers lösungsorientierten Kurzzeittherapie.
Methoden
Die Systemische Beratung zeichnet sich durch eine hohe Methodenvielfalt aus, die darauf abzielt, Perspektiven zu wechseln und Ressourcen zu aktivieren.
Ressourcenarbeit
In der Beratung richten wir unsere Aufmerksamkeit nicht ausschließlich auf die vorhandenen Probleme, sondern bewegen uns vorwärts mit Blick auf mögliche Lösungen. Der Fokus liegt auf Ihren Stärken. Dazu kann es hilfreich sein, sich die eigenen Ressourcen nicht nur im Gespräch, sondern mit kreativen Mitteln - wie dem Zeichen eines Ressourcenbaums oder eines Koffers voller persönlicher Kompetenzen - zu visualisieren.
Reframing
hilft, ehemals negativ bewertete Situation in einem anderen Kontext zu betrachten, sie in angemessener Form umzudeuten oder aus einer anderen Perspektive zu sehen, um neue Handlungsmöglichkeiten erkennen zu können.
Timeline
Wenn wir zusammen wichtige Lebensereignisse, Rück- und Fortschritte, Auf- und Abbewegungen in ihrem Leben mithilfe einer Linie oder eines Seils, Zeichnungen o. a. darstellen, bringt das den Fokus weg von der aktuellen Krisenwahrnehmung auf den gesamten Lebensfluss. Sie erkennen, in welchen Mustern oder Zyklen ähnliche Themen bei Ihnen auftreten, sie reflektieren über die Mittel, die Ihnen damals geholfen, schwere Zeiten zu überstehen. Sie würdigen Erreichtes und Überstandenes als Wendepunkte oder Lernphasen. Sie sehen, dass ihr aktuelles Problem nur ein Aspekt auf einer langen Linie ist. Vielleicht markieren sie auf der Timeline auch einen Punkt in der Zukunft und spüren nach, wie es sich anfühlt, wenn sich das Problem aufgelöst hat.
Fragen
Imaginationstechniken wie die Wunderfrage tragen dazu bei, ihre Ziele konkret erlebbar zu machen. Zirkuläre Fragen helfen, sich selbst aus einer anderen Perspektive zu sehen. So werde ich Sie nicht immer direkt zu Situationen befragen, sondern Sie über "Ecken" dazu einladen, die Dynamik im System zu erkennen, z.B. mit Fragen wie „Was glauben Sie, was Ihre Frau denkt, wenn Sie sich in Ihr Zimmer zurückziehen? Fragen sind dann keine bloßen Informationsbeschaffer mehr, sondern Interventionen, die helfen können, festgefahrene Denkmuster ins Wanken zu bringen. Sie regen dazu an, die eigene Wirklichkeit neu zu konstruieren. Skalierungsfragen machen diffuse Gefühle oder vage Probleme, sie messbar oder besprechbar zu machen. Sie helfen auch, Unterschiede zu verdeutlichen, Fortschritte sichtbar zu machen und Ziele zu definieren. Paradoxe Fragen, mit dem das Problem noch verstärkt würde, machen die verborgene Funktion eines Symptoms deutlich und bauen Widerstände ab, sich ihm zuzuwenden. Indem ich nach Ausnahmen frage, kann die Einsicht entstehen, dass kein Problem "immer" da ist. Sie entdecken Momente, in denen es weniger schlimm oder gar nicht vorhanden ist. Die Frage, wie es Ihnen gelingt, trotz der Beschwerden Ihren Alltag zu strukturieren oder für ihre Kinder da zu sein, führt Ihnen bestimmte Stärken vor Augen, die nicht verloren gegangen sind – sie sind ihre Basis, auf der sie aufbauen können und die es zu würdigen gilt.
Aufstellungsarbeit
Beziehungsgefüge können komplex und schwer durchschaubar sein. Daher nutzen wir die Arbeit mit Kissen, Stühlen, Figuren oder Symbolen, um die Dynamik des Systems sicht- und fühlbar zu machen. Wenn wir aus der Vogelperspektive auf eine Konstellation schauen, erkennen wir schneller unterschiedliche Positionen, verstehen mehr von den Interaktionsweisen einzelner Systemmitglieder und erkennen allmählich, was wir zu verändern haben, sodass sich das System mitverändert.
Genogramm
Das Genogramm kann als eine Art grafischer Stammbaum verwendet werden, um Beziehungsmuster über mindestens drei Generationen hinweg aufzuzeigen. Anhand des Genogramms lassen sich symbiotische Verbindungen, Kontaktabbrüche, konfliktreiche Beziehungen, lockere oder distanzierte Formen des Zusammenlebens aufdecken, die noch in unseren unmittelbaren, aktuellen Beziehungen weiterwirken. Das Ziel ist es, den „Blick zu weiten“ und Ihre aktuelle Problematik in einen Kontext zu setzen. Dabei können wir entdecken, inwiefern ihr Verhalten beeinflusst wird vom „Familienerbe“. Wir sprechen darüber, welche Geschichten über sie oder andere Mitglieder erzählt werden, welche Familienregeln unbewusst existieren und wer im System Ihnen Halt geben hat, Krisen erfolgreich gemeistert hat u. ä. Mitunter erschließt sich auch, warum ein Symptom gerade jetzt auftritt oder welche Funktion es im Gefüge hat.
Innere Teile Arbeit
Konflikte und aktuelle Probleme behindern uns manchmal bei der der Entscheidungsfindung im Alltag. Wir fühlen uns zerrissen, sitzen regelrecht zwischen den Stühlen, wollen allen Menschen um uns herum gerecht werden oder sind mit unserer Rolle im System mehr als unzufrieden. IN solchen Situationen lohnt sich die Arbeit mit ihren persönlichen Anteilen. Mittels Kissen, Stühlen oder Symbolen visualisieren wir diese inneren Stimmen als Teammitglieder. Es gilt, sie zunächst miteinander in Kontakt zu bringen, um dann herauszufinden, ob sie willens sind, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, anstatt sich gegenseitig zu blockieren. Die Tetra-Lemma-Technik hilft, Entscheidungsprozesse zu entflechten und aus dem klassischen „Entweder-oder-Dilemma“ auszubrechen. Wir nutzen es als Raumaufstellung, um zu spüren, wie sich die jeweilige Option anfühlt. Dabei wird die starre Fixierung auf die Optionen „A“ oder „B“ geweitet, indem eine dritte und vierte Möglichkeit entwickelt wird. Statt nur aus Kopf heraus zu entscheiden, werden Sie dazu abgeleitet, auf körperliche Reaktionen auf den einzelnen Positionen zu achten. Sie können wichtige Hinweise für die Entscheidung geben.
Zusätzlich können narrative Methoden aufdecken, welche Geschichten wir uns selbst über unser Leben erzählen, welche Glaubensmuster unseren Handlungen zugrunde liegen und welche tiefverwurzelten Denkschemata uns steuern. Wir arbeiten daran, destruktive Narrative zu identifizieren und an einer alternativen, stärkenden Lebensgeschichte zu schreiben, die die positiven Entwicklungen nicht mehr wie früher ausschließt, sondern bewusst im Blick behält.