Tiefenentspannung
Klassische Yoga-Tiefenentspannung
Die klassische Yoga-Tiefenentspannung ist eine systematische Methode zur ganzheitlichen Regeneration von Körper und Geist. Sie kombiniert Progressive Muskelentspannung mit mentaler Autosuggestion und Visualisierung. Der Prozess kann in einer abgekürzten Variante wenige Minuten dauern, bei Bedarf aber auch bis 45 Minuten umfassen und folgt einem festen strukturierten Aufbau.
Tiefenentspannung als Begleitung der Psychotherapie
Tiefenentspannung wird im Rahmen der Psychotherapie als unterstützendes Mittel eingesetzt, um das chronisch übererregte Nervensystem des Klienten wieder zu beruhigen. Die Methode kann bei regelmäßiger Anwendung dabei helfen, das allgemeine Erregungsniveau zu senken, Erschöpfungssymptome und daraus resultierende Beeinträchtigungen abzubauen oder Schlafstörungen zu mindern. Wenn wir erfahren, dass unser Körper in die Ruhe kommt, kann dies dem Geist helfen, loszulassen. Im entspannten Zustand kann es uns leichter fallen, nicht veränderbare Zustände anzunehmen, ungünstigen Impulsen nicht nachzugehen und die Spanne zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern.
Ablauf
Wir ermitteln anhand ihrer Beschwerden und ihrer aktuellen Verfassung, ob diese Methode bei Ihren Beschwerden indiziert ist oder nicht. Ist sie für Sie geeignet, erläutere ich Ihnen, wozu Tiefenentspannung dient, was sie bewirken kann und wie wir vorgehen werden. Sie entscheiden dabei selbst, ob sie bei geöffneten oder geschlossenen Augen entspannen möchten. Sobald innere Widerstände, Gefühle von Unsicherheit, Ausgeliefertsein o. ä. entstehen, thematisieren wir diese und bleiben so die ganze Zeit miteinander in einem sicheren Kontakt. Jederzeit haben Sie die volle Kontrolle über die Situation, indem Sie entscheiden können, ob wir die Übung unterbrechen oder abbrechen. Am Ende steht die Nachbesprechung.
Einbettung in die Sitzung
Je nach therapeutischem Nutzen bette ich Tiefenentspannung an unterschiedlichen Stellen innerhalb einer Sitzung ein. Als Einstieg ist sie besonders geeignet bei Klienten, die ohne Pause aus Ihrem hoch getakteten Alltag heraus in die Sitzung kommen oder aus Gründen unruhig und erregt sind. Um fokussiert arbeiten zu können, braucht es eine Phase des Ankommens, in der der innere „Lärm“ langsam stiller werden kann. Entspannung kann dann ein erster Schritt sein, um leichteren Zugang zu Bildern, Emotionen, Erinnerungen oder anderen Inhalten zu finden, die in der Therapie angeschaut und bearbeitet werden wollen. Haben wir uns in der Sitzung um emotional belastende Inhalte gekümmert, kann es nach dieser intensiven Phase sinnvoll und wohltuend sein, in der Entspannung alles Erlebte abzugeben, bevor der Klient die Praxis verlässt. Die Tiefenentspannung bildet in diesem Fall dann der Abschluss der Sitzung. Er kann den Beginn für Verarbeitung und Integration der neuen Erkenntnisse und Empfindungen sein. Zur Reorientierung ist ein sorgfältig angeleiteter Übergang in die Realität an dieser Stelle besonders wichtig.
Die Schritte der Tiefenentspannung
Vorbereitung und Ausgangsposition
Die Übung beginnt in der Rückenlage. Hilfsmittel wie Kissen unter den Knien oder Decken zur Wärmeregulierung unterstützen die physische Ruheposition. Ein ruhiger, störungsfreier Ort ist grundlegende Voraussetzung.
Progressive Muskelentspannung
Um eine tiefe körperliche Entspannung einzuleiten, werden nacheinander alle großen Muskelgruppen isoliert angespannt, die Anspannung wird kurz gehalten und dann bewusst gelockert. Dieser Kontrast ermöglicht es dem Nervensystem, Spannungen effektiver loszulassen. Nacheinander gehen wir die unteren Extremitäten, den Rumpf, Becken und Gesäß, Brustkorb, Bauch, obere Extremitäten, Schultern und Nacken sowie das Gesicht durch.
Mentale Autosuggestion
Nach der physischen Aktivierung und Entspannung folgt die Aufmerksamkeitslenkung durch den Körper. Ohne die Körperteile zu bewegen, wird der innere Fokus nacheinander auf jeden Körperbereich gebracht – von den Füßen über die Beine, Hände, Arme bis hin zum gesamten Rücken, Bauch mit seinen inneren Organen, Brustkorb und Gesicht. Durch das stille, zweimalige Wiederholen von Sätzen wie „Ich entspanne meine ...“ wird ein direkter Entspannungsimpuls an das Unterbewusstsein gesendet. Die Autosuggestionen wirken noch geraume Zeit im Körper weiter.
Visualisierung und Stille
Sobald der Körper vollständig zur Ruhe gekommen ist, folgt die geistige Entspannung durch Visualisierung. Ein klassisches Bild ist die Vorstellung eines glasklaren, ruhigen Bergsees, das dem Geist hilft, die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Es folgt eine Phase der absoluten Stille, in der die Entspannung ihre tiefste Wirkung entfaltet.
Affirmation und Rückkehr
Die Phase der Tiefenentspannung endet mit positiven Affirmationen, die das Selbstvertrauen und die Lebensfreude stärken können. Mit tiefen Atemzügen, kreisenden Bewegungen der Hände und Füße und einem ausgiebigen Recken und Strecken wird der Körper wieder aktiviert und zurück ins Hier und Jetzt geholt. Die Übung schließt traditionell im Sitzen mit dem Tönen eines Mantras ab, um die innere Ruhe in den Alltag zu integrieren.
Entspannung ist kein Allheilmittel
Entspannung ist leider kein Allheilmittel. In manchen Erkrankungsphasen und bei bestimmten Störungen kann sie sogar kontraindiziert sein. So kann Tiefenentspannung bei akuten Psychosen die Ich-Grenzen verschwimmen lassen und einen etwaigen Realitätsverlust verstärken. Im Fall von schweren Depressionen ist oft Aktivierung sehr viel wichtiger als noch tiefere Entspannung, die u. U. das Gefühl der Leere verstärken kann. Angst-Patienten benötigen eine ausreichende innere Stabilität, eine gute Einführung und sichere Begleitung, denn das Nachlassen von Muskelspannung kann Angst oder Gefühle von Kontrollverlust provozieren. Bei Traumata können Stille und ein starker Körperfokus ungewollte Flashbacks oder Dissoziationen triggern. Daher ist zunächst abzuklären, ob und inwiefern Tiefenentspannung für Sie angebracht ist und ihren Prozess sinnvoll unterstützt.