Yoga Nidra
Yoga Nidra ist ein Zustand des bewussten Tiefschlafs, der auch als schlafloser, dynamischer oder psychischer Schlaf bezeichnet wird. Während völliger körperlicher Entspannung versucht der Übende, möglichst durchgehend einen Rest von Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Es handelt sich um eine sanfte und gleichzeitig sehr effektive Methode des yogischen Tantras, die es bei regelmäßiger Anwendung möglich macht, sich so tief zu entspannen, dass der Körper völlig frei von Anspannung ist und die Gedanken und Gefühle zur Ruhe kommen.
An der Schwelle von Wachen und Schlafen
Bei Yoga Nidra liegt der Körper bewegungslos da und entspannt, der Geist folgt den Worten des Anleitenden, Der Übende hört und fühlt, die übrigen Sinne sind inaktiv. Besonders wirksam erweist sich die Methode, wenn sich der Übende während der Anleitung an der Schwelle zwischen Wachen und Schlafen befindet. Die Psychologie kennt dafür den Begriff des hypnagogischen/hypnopompen Zustands (kurz vor bzw. nach dem Schlafen). In dieser Phase ist der Geist sowohl frei von der äußeren Wahrnehmung als auch frei vom schlafenden Zustand. Dies gelingt durch ein systematisches Zurückziehen der Sinne von der Außenwelt durch eine komplexe Kombination verschiedener Techniken:
- Am Anfang und Ende einer Yoga Nidra Sitzung wiederholt der Übende mit Überzeugung und Vertrauen einen positiven, einfachen Entschluss/positiven Vorsatz/eine persönliche Absicht, den sog. Sankalpa. Er wirkt wie ein Same im Unterbewusstsein und enfaltet über viele Sitzungen hinweg ganz allmählich seine Wirkung
- Umfassendes, zügiges Kreisen der inneren Wahrnehmung durch den Körper in einer festgelegten Reihenfolge
- Formen der Atemkonzentration und des Atembewussteins
- Evozieren von gegensätzlichen körperlichen und emotionalen Empfindungen (Hitze/Kälte, Schwere- (losigkeit), Freude und Schmerz)
- Visualisierung beruhigender Bilder
Die Wirkung von Yoga Nidra auf das Gehirn
Die systematische Lenkung der Aufmerksamkeit durch den Körper fördert die Vernetzung zwischen verschiedenen Gehirnarealen und verbessert die Körperwahrnehmung. Beim Rotieren des Bewussteins wird die Oberfläche des Gehirns mental von innen nach außen durchlaufen. Das nervliche Spiegelbild aller im Gehirn repräsentierten Körperteile wird stimuliert. Das dynamische Gleichgewicht zwischen unseren elementaren Antrieben wird gestärkt. Nervenkreisläufe, die sich in den sich gegenüberliegenden Hemisphären befinden, treten zum Teil gleichzeitig in Aktion. Emotionen wie Freude und Trauer, die scheinbar nicht zu veueinbaren sind, werden so zusammengeschlossen. Übende können dadurch allmäglich über Leiderfahrungen hinausgehen. Auswirkungen dualistischer Erfahrungen, die vorher Abwehrreaktionen hervorgerufen haben oder an denen festgehalten wurde, können sich abmildern. Eine offene Lebensperspektive wird möglich. Die Persönlichkeit kann (nach-)reifen.
Parasympathische Aktivität erhöht sich
Auf physiologischer Ebene beruhigt sich das Nervensystem, indem die sympathische Aktivität sinkt, die parasympathische Aktvität steigt. Es gelingt uns dadurch in Phasen starker stressbedingter Belastung, die sich u. a. durch hohe Cortisolwerte auszeichnen, vom „Kampf oder Flucht“-Modus hin zum „Ruhe und Verdauungs“-Modus schalten.So stellen sich tiefe Erholung und Regeneration ein. Der Körper startet Reparatur- und Entspannungsprozesse. Das Schmerzempfindungen nimmt ab. Studien zur Herzfrequenzvariabilität (HFV) zeigen, dass Yoga Nidra die HFV signifikant erhöht. Dies ist ein Schlüsselindikator für ein resilientes Nervensystem und zeigt eine deutliche Verschiebung in Richtung parasympathische Dominanz. Die Schlafqualität verbessert sich, die Schlafeffizienz erhöht sich. Die im Fall starker Gefühle erhöhte Aktivität im limbischen System reduziert sich. Regelmäßige Yoga Nidra-Praxis kann dabei helfen, die Reaktivität zentraler limbischer Bestandteile (z. B. der Amygdala) zu verringern, sodass wir z. B. weniger stark auf innere und äußere Stimuli mit Angst und innerer Unruhe reagieren. Emotionale Dysbalancen können sich Schritt für Schritt ausgleichen. Studien weisen zudem darauf hin, dass der präfrontale Kortex, der für das Planen, Analysieren, sich Sorgen und Grübeln zuständig ist, zur Ruhe kommt. Auch das Default-Mode-Netzwerk (DMN) wird ausgeglichen, Der Geist schweift dadurch weniger ab, das Wohlbefinden steigt. Zudem wurde herausgefunden, dass das Gehirn formbar ist und sich, wenn es neue Erfagrungen macht, neu vernetzt. Diesen Vorgang nennt man Neuroplastizität. Yoga Nidra hilft dabei, das Gehirn auf diese Weise umzustruturieren.
Potenziale von Yoga Nidra bei regelmäßiger, dauerhafter Übung
In Zustand von Yoga Nidra erholt sich der Geist so stark, dass er besonders aufnahmefähig, kreativ und/oder konzentriert wird. Belastende Konditionierungen, Erinnerungen, Einschränkungen und Spannungen können einfacher losgelassen, förderliche Denkmuster, Emotionen und Verhaltensweisen ausgebildet werden. Intuitive Eingebungen können aus dem Unterbewusstsein gewonnen, Persönlichkeitsanteile ganz langsam umgebildet werden. So kann Yoga Nidra dabei helfen, sich bewusster zu werden über die Funktion seiner Sinne, eine stärkere emotionale Kontrolle auszubilden und seine Lebensziele mit angmessenen Mitteln zu verfolgen.